GROBSCHNITT - Merry-Go-Round

1979 (Metronome, Brain 60.224), 2015 (Brain, Universal Music)


Der Ausklang der 70er Jahre markierte nicht nur für GROBSCHNITT einen Wendepunkt, sondern für viele andere Bands ihrer Generation. Die Hinwendung etlicher Gruppen zur Popmusik und das Aufkommen des Punk beendeten eine großartige Ära. Hinsichtlich aller Progressivität und ausuferndem Sinfonikrock schien scheinbar musikalisch alles gesagt.

Zwei Jahre nach ´Rockpommel´s Land´ war die Luft bei GROBSCHNITT jedoch längst nicht raus. In unveränderter Besetzung spielten sie 1979 in Hamburg ein neues Album ein; mit dem bis dato großzügigsten Budget und Zeitkontingent der Plattenfirma. Die Band konzentrierte sich auf "kurze" sechs bis acht Minuten Lieder und ließ ihren Humor weit mehr als unmittelbar zuvor in voller Schwärze zutage treten, musikalisch gar nicht so weit von alten `Jumbo´-Zeiten entfernt.

Zudem befanden sich GROBSCHNITT weiterhin in Spiellaune, sodass sie ihre Zuhörer geradezu zum Rocken animieren wollten, sei es in ´Come On People´ ("Come on people, feel the music, get up, move your bones, let off yourself like JANIS did, or JAGGER from the STONES, come on people, sing your songs against the walls of hate, we're not the first to do so, but we are not too late") oder in ´A.C.Y.M.´ ("I want to feel music, I want to love people, I want to hear HENDRIX again, I want satisfaction, I need body-action, JIM's message wasn't in vain"). Gerade solch eine rockende, alles zerschneidende Gitarre wie in ´Come On People´, einem klaren Statement zur Rockmusik, mit abermals wunderschön unterlegten Keyboard-Flächen, konnten seinerzeit tatsächlich höchstens die Kanadier SAGA offerieren.

Der Titeltrack ist dagegen ein kleiner ätherischer Epic Song, der mit seiner anschmiegsamen Melodie echten Hitcharakter in sich trägt und bei dem jedes erklingende Glöckchen aufzusaugen ist, während ´A.C.Y.M.´ zwischen Heavy Rock und einschmeichelndem Vortrag schwankt, mit einem glasklaren Sound, den ansonsten bei weitem allein SUPERTRAMP erzeugen konnten, sowie obendrein ein großartiges Solo von Lupo beinhaltet, das so nur in den 70ern eingespielt werden konnte, und mit geschärften heißen Orgelklängen begeistert. Hinzu kommt in der Mitte des Albums der vorzügliche Instrumentalsong ´Du schaffst das nicht´, ein Instant-Hit.

Zeitkritische Texte fanden Einzug in ´Coke-Train´, eine frühe Globalisierungskritik mit dem lustig übertrieben umschriebenen Verkauf von Cola nach China, inklusive einleitender asiatischer Klänge, oder der Verballhornung des Village People-Hits ´Y.M.C.A.´ in ´A.C.Y.M.´, der ein Seitenhieb in Richtung solch fragwürdiger, musikalischer Massenphänomene in den Hitparaden jener Zeiten darstellt. Selbst heutzutage immer noch hochaktuell:

The Rock became a business
the business became a mess
with graft and cheatin' play
Computer-composed disco-sounds
make people jump like fools around,
make money-sharpers gay
Their silly hits they sound like marching
and when I see that singing ARMY-guy
I wonder what they try to fight for
and why this trash can make someone high.

Obwohl das Album ´Merry-Go-Round´ die alte GROBSCHNITT-Magie nochmals entfaltet, vor einigen Jahren von Eroc als sehr unterschätztes Album und eines seiner Favoriten bezeichnet, greift es nicht ganz nach den Sternen. Es gibt Menschen, die sich mit diesem Album enttäuscht von der Band abwandten, obgleich es diese natürlich bereits zu ´Jumbo´-Zeiten gab. Andererseits gibt es Stimmen, die von dem perfektesten, ausgereiftesten, musikalischen 6-Gänge-Menü GROBSCHNITTs sprechen.

Das Werk befindet sich, wie alle enthaltenen CDs der aktuell veröffentlichten GROBSCHNITT-Box, in einem edlen Mintpack, einem dünnen Gatefold-artigen Digi, und hat als Bonus eine Session-Remix-Version des Titelstücks und Live-Versionen von ´Merry-Go-Round´, ´May Day´, ´Come On People´ sowie ´Coke Train´ anzubieten, um so auf die anvisierte Gesamtlauflänge jeder CD der Box von 79:10 Minuten zu gelangen.

Niemals klang die Produktion so transparent wie nach vorliegendem Remastering, jedes Instrument ist unverhüllt herauszuhören. Eine Sternstunde, die keinen Tag gealtert ist. [Weitere Informationen zur Box und gesamten Bandgeschichte befinden sich hier]

[Forgotten Jewel]




07.07.16
Von: Michael Haifl
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