NEUBORN OPEN AIR FESTIVAL 2017

25. + 26. August, Neuborn Waldbühne, Wörrstadt


...auch liebevoll NOAF genannt, hat sich einen festen Platz in unseren Herzen erspielt. Die heimelige Waldatmosphäre in lockerer Anticrowd-Stimmung ist derart relaxt, dass es für viele schon zweitrangig ist, wer gebucht wird. Und trotzdem sollte das Billing für JEDEN Metaller einige Highlights zu bieten haben. Für den omnikulturellen Banger ist die Bandbreite an Bands und Stilrichtungen sogar...GEIL.

 

 

 

FREITAG

Los geht’s mit EAGLE VS SHARK und da ist sie wieder, meine alte Liebe zum Austria Metal/Rock. Den Dreierbonus gibt's sofort und die Männer mit Mädel bieten als Opener die sauberste, erdigste Startmusik, die man sich wünschen kann. Und ich darf den Augenschmaus am Bass nicht außer Acht lassen, der eure Tochter sein könnte, aber besser rockt als euer Traumschwiegersohn.

Nachdem ich durch höhere Gewalt beim ROCK HARD das eröffnende Riffgewitter von den famosen DUST BOLT verpassen musste [hier lesen - RH], steigt die Vorfreude und Nackenanspannung ins Unermessliche. Es gibt einfach keine bessere Mischung aus der Geburtsstunde deutschen Thrashs und der Bay Area. Unglaublich energiegeladen feuern die Jungs Riffs und Harmonien bei maximaler Bewegung auf der Bühne in die Audience, so dass man sich im Thrash Metal Heaven wähnt. Sie geben Vollgas und drosseln in exakt richtigen Intervallen auf Moshgeschwindigkeit. Für mich momentan DER geile Scheiß für Jung und Alt im Thrasherwald.

Da wir nette Jungs und Mädels sind, ekeln wir uns ein wenig vor NASTY und beschließen das Mekka der Entspannung in idyllischer Ruhe aufzusuchen, heute in Form einer kuscheligen Waldwirtschaft unter der diktatorischen Führung von Alex, dem Herzensbrecher des durstigen Metalfans mit brutal antimetallischem Humor.

Und schon bricht auch die Hölle über uns los. Die Mutter aller powervollen Kurzgewitter gibt sich ein Stelldichein und nagelt uns in der Schutzhütte fest, in der uns die Panik erfasst, nun mindestens noch die nächste Band zu verpassen, die schon einmal dieses Jahr meiner Abneigung gegenüber höheren Leveln an Feuchtigkeit zum Opfer fiel [hier lesen BYH].

Doch THOR und sein MetalHammer sind stärker und uns geneigt, denn es klappt doch noch mit BULLET, die mittlerweile ihren eigenen Stil zwischen ACCEPT, AC/DC und BULLET gefunden haben und als clevere, wettererprobte Skandinavier den Ultraschauer erst mal ausgesessen haben, um als geniale Regenverächter geliebt und auch von einigen wenigen gehasst zu werden. Naja, aber die Stimme muss ihm erst mal einer nachmachen, von der Bühnenpräsenz ganz zu schweigen. Und auch hier und heute macht "Ooooohoohoohoohoohooohooho - bang your head" einfach Spaß, außer man ist Progressivrepublikaner. 'Bite The Bullet' lässt gegen Ende gesteigerte Ekstase in den Frontrows aufkommen.

Männer mit Bärten müsst ihr sein. Es gibt wohl kaum ein Festival, auf dem die Heavy Doom Säue vor dem Herrn CROWBAR nicht sehnlichst erwartet werden. Da fließt die Lava aus der PA, mal schneller durch Doublebasspumpen angetrieben, mal langsamer so richtig durch die Därme. Steinigt mich, aber in Anbetracht dieser brachialen Naturgewalt frage ich mich gerade, ob die Götterdämmerung der ersten BLACK SABBATH Scheibe doch nur ein Kinderhörspiel war. Hardcore meets Doom ... und das gewaltig. Prachtvoll. Slow, deep and hard. Credibility? Truer than true. Kein Kitsch. Bärte. Männer. Metal. Sind sie zu hart, bist du zu schwach. Doomrausch. Gute Nacht. Äääh, Moment, da kommt ja noch was...

...und wie! Die fleischgewordenen Outlaws unterkühlter Herkunft lassen den Trockeneisnebel wabern. Ja, genau die staubigen Wolken der FIELDS OF THE NEFILIM. SOLSTAFIR spielen das Lied vom Tod. Und wer sich darauf einlässt, kann heute Nacht die sphärigste Weltflucht erfahren. Sie malen Bilder von Schmerz, Sehnsucht und doomigem sich-selbst-verlieren weitab jeglicher Norm. Fuck, habe ich das geschrieben? Was ist die Norm? Weshalb sind all diese netten Menschen hier? Ein Blick um mich herum genügt, um mir selbst zu zeigen, dass diese intensiv dargebotenen Gefühle, die so viele Freaks hier teilen, mehr als jeden Götzendienst darstellen. Magisch. Eine Ansage über die oft nicht ernst genommene oder nicht eingestandene KRANKHEIT Depression setzt ein Denkmal für alle Freunde und Musiker, die den Kampf aufgaben.

Auch danach bleibt es balladesk, wenn wir mit waberndem Bass und verzerrter Gitarre auf den nächsten stimmlichen Gefühlsausbruch zusteuern...und ich bin mir sicher, dass neunzig Prozent der Versammelten bei den FIELDS und 'Last Exit For The Lost' ähnlich abgegangen wären.

Hahaha. Für alle, die durch 'THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA' irritiert waren, gibt's pures SOILWORK aufs Maul. Aber sowas von. Ausgezogen die Jacketts, Kutte um und: BRUTALINSKI. Ja, ich mag mich wiederholen, aber mit KILLSWITCH ENGAGE eine der wenigen relevanten Metalcore Combos in meiner kleinen Welt. Für die einen einfach nur wieder mal Schwedenmetal nach Göteborger Schule, ich erfreue mich hingegen daran, dass es hier entschieden geil rappelt. Sehr selten bekommt man jedoch den starken Cleangesang geboten, was ich Weichei vermisse...bis bei dem - muahaha - Halbballädschen das Tempo ohne Härteverminderung rausgenommen wird. SOILWORK live ist immer noch harte, handgemachte Arbeit und wer weder das eine noch das andere mag ist ein - mit Verlaub - Eierdieb. (Olli Hoppel sucht den Eierdieb - Anm.d.R.) Einzig das Weichei in mir denkt: Auf Platte klingen die Mannen dennoch viel abwechslungsreicher und differenzierter, ohne sich wie live heute als Hartwurst gegenüber den TNFO Verächtern beweisen zu müssen.

 

SAMSTAG 

Beschenkt durch außerordentlich nette Campingnachbarn lassen wir uns für den heutigen Start etwas mehr Zeit und überlassen FAR FROM READY und ANIMAL BIZARRE den Frühaufstehern. Irgendwie finde ich in unserem Gefolge auch keinen, der mir qualitätstechnisch dazu eine Aussage machen konnte.

Doch genug der Entspannung, nun wird Leistung gefordert. Na, kündigt sich da der inoffizielle Nachfolger von D:A:D an? Klar, es kann nur ein D:A:D geben, aber ganz in Schwarz gekleidet und ohne Schnickschnack geht dieser Frontmann im untypischen BWL-Studentenlook mit Wahnsinn und Charisma INS Publikum und holt die Leute vor die Bühne, bis er nach einigen einhundertprozent-performten Songs klatschnass am Rande der körperlichen Erschöpfung stets erneut eine Schippe drauflegt. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt, wenn I'LL BE DAMNED die nächsten dänischen Rock Royals werden. Mein Fronter des Jahres neben einem gewissen Jarvis Leatherby...und das will was heißen. Kurz vor der Aufgabe der Hauptkörperfunktionen wird letztendlich noch die Brille abgezogen und final Vollgas im Quadrat gegeben. Energiebündel!

HORISONT können einfach alles. Außer der Bärenstimme, die man erwartet, wenn der warzenfreie young-Lemmy Lookalike singt. Nach der herzerfrischenden 'Child In Time' Ohrgasmus-Reminiszenz gehts weiter in den fabulösen Siebzigern zwischen Krautrock, DEEP PURPLE, RUSH, JIMMY HENDRIX und eben HORISONT, die momentan eine absolute Ausnahmeerscheinung in der mir bekannten Retroszene darstellen. Weiter gehts mit einer wunderschönen 70iger Ballade vom neuen Album mit traumhaft sexy Twingitarren und schön abgesoffenen original Titanic Hallklavier. Der gute, alte 'Doctor Doctor' Rhythmus, welcher auch unlängst RIOT beim Jahrhunderthit 'Take Me Back' inspiriert hat, tut hernach für die Kopfschüttelschar ein Übriges und die famose Waldwirtschaft der zuvor erwähnten Frohnatur Alex ruft alsbald, um unsere Leiber mit einem dezenten Maß an Isotonik wiederzubeleben – auf Kosten von NIOR, die für ADEPT einsprangen. Naja. Iss halt so. 

Mein lieber HAVOK, nun geht’s ab! Mit leichten SLAYER-Anleihen fetzen sich die Amis in meine allererste Liga des Neothrash. Die Songs werden aufgelockert mit einer Prise technisch abstraktem Riffing vor der Rückkehr zum wesentlichen Nackenbrechen. Mehr von diesen geilen funky Bassparts Jungs, ihr könnt es und MORDRED als auch MIND FUNK suchen verzweifelt Nachfolger! Das Herz wird jedoch auch so erquickt durch technisch anspruchsvoll verschachtelt verbratene Killerriffs. Respekt!

IGNITE waren für mich Oldschooler DIE Überraschung im Vorbereitungstrainingslager. Man möge mich nicht steinigen, wenn ich erwähne, dass auch Fans von VOLBEAT hier ihre helle Freude gehabt hätten. Meine Holde erwähnt gar den Namen SHINEDOWN mit dem Zusatz „als sie noch Eier hatten“. Mit ihrem überragenden Auftritt brauchen sich die Männers vor keinem aus der melodischen Hardcoreecke oder wie auch immer man es nennen mag verstecken. Natürlich gibt es auch klare Worte und eine schöne Widmung an den Idioten, der sich gerade Mr.President nennt, was meiner lieben Mom sehr gefallen würde. In Memoriam Chris Cornell und Chester Bennington wird 'Judgement Day' zum abermaligen Statement gegen die Krankheit Depression und ruft dazu auf, nicht auf die 'verrückten Stimmen' zu hören und sich helfen zu lassen. Beim Hardcoreausbruch 'Slow Down' ist die Message: „there's no black or white - it's just you“ und abschließend lassen uns IGNITE beim starken Cover von 'Sunday Bloody Sunday' über den UN-sinn von 'gläubigen' Extremisten nachdenken. Und ja, BAD RELIGION war auch drin. Würdig!

Tja, Freunde der gepflegten Unterhaltung - hat sich das Warten gelohnt? PARADISE LOST machen die Antwort nicht jedem einfach. Nach starkem atmodoomigen Auftakt gibts mit 'One Second' das Lied, das DEPECHE MODE auch gerne gemacht hätten. 'Blood And Chaos' stemmt sich gegen unnötige Gewalt, kann aber nicht ganz mitreißen. 'The Enemy' ist und bleibt ein Hit ebenso wie 'Isolate', welches jedoch die Tanzbrücke zum Independent schlägt und dem einen oder anderen Frühfan schon immer ein flaues Gefühl in der Nackengegend bereitet hat. Leidenschaft kommt heute aber alleine von Aaron und dem sauber zu laut abgemischten Schlagwerk. Greg als Irokese spielt apathisch in seinen eigenen Jagdgründen und Nick, unser live teilweise stark limitierter Sangesbruder, versucht zwar heute Ansagen, doch ein Gespräch über's Wetter hat schon jeder mit seinem früheren Schulkollegen zelebriert, wenn einem sonst nix einfällt. 'As I Die' kriegt mich nochmal kurz bevor die Augendeckel müde werden, doch der arg fleischlos dargebotene Klopper 'Say Just Words' verbreitet gepflegte Langeweile und die Ansage "Let's go..." setzt das Zeichen für Karin und mich nach...home. 'Gothic' mit Sängerin aus der Konserve begleitet uns auf dem verdienten Weg ins WoMo und geschulte Augen und Ohren eines Freundes haben nur RUNNING WILD 2005 in Saarbrücken langweiliger gesehen.

Wieder einmal hat das NOAF seine Ausnahmestellung unter den kleinen Open Airs bei kleinen Ticket- und Lebenserhaltungskosten und dennoch großer Bandauswahl bewiesen und ich freue mich zusammen mit meiner Liebsten jetzt schon auf 2018, wenn ein sympathischer Mensch in die Menge gröhlt: „HEY NOAF!“

 

http://www.noaf.de/




07.11.17
Von: Less Leßmeister
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